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The Good, the Bad and the Ugly. Zur Figurenzeichnung im mittelniederdeutschen Versroman Valentin und Namelos

Selbst der in die Eigentümlichkeiten mittelalterlicher Literatur eingeübte Leser dürfte bei der Lektüre des mittelniederdeutschen Versromans ‘Valentin und Namelos’ überrascht sein, mit welcher Unbekümmertheit der anonyme Verfasser unter weitgehender Mißachtung von halbwegs plausibler Handlungsmotivation und -logik die Geschichte eines zunächst dem Tode geweihten, dann aber erwartungsgemäß dennoch zu Macht, Ruhm und Ansehen aufsteigenden Brüderpaares berichtet. Die Ereignisse, die, um mit Aristoteles zu sprechen, schließlich zum Umschlag vom Unglück ins Glück führen, sind weder nach der Wahrscheinlichkeit noch nach der Notwendigkeit aneinandergefügt. Stattdessen begegnet dem Leser eine überbordende Fülle wunderlicher Geschehnisse und Gestalten, unter denen kein Geringerer als der Teufel selbst seinen Auftritt bekommt. Das alles ist bunt, beliebig und heute nicht mehr recht genießbar. Darüber, wie die Zeitgenossen dieses (Mach-)Werk empfunden haben, läßt sich nur spekulieren. Wirklich große Wirkung war ihm jedenfalls nicht beschieden. Immerhin aber sind zwei vollständige niederdeutsche Handschriften aus dem 15. Jahrhundert, eine mitteldeutsche Prosafassung sowie eine schwedische Bearbeitung überliefert. Nach mittlerweile unangefochtenener Meinung entstammt der Stoff einer mittelniederländischen, nur noch fragmentarisch überlieferten Vorlage, die ihrerseits wohl auf eine französische, für uns nicht mehr greifbare Quelle rekurriert. Der Verfasser von ‘Valentin und Namelos’ spricht allerdings durchgehend von einer französischen Vorlage: Alze yk ut deme walsche las.

Zu der vom 16. Jahrhundert an in einer (bis hin zu einer jüngst erschienenen Kinderbuchfassung) unheuren Zahl von Drucken in beinahe allen europäischen Sprachen überlieferten Geschichte von ‘Valentin und Orson’ bestehen offenkundige Verbindungen, die allerdings über eine erhebliche Zahl von Unterschieden nicht hinwegtäuschen können. Die Grundgeschichte um die Neffen Pippins, die im Wald ausgesetzt bzw. in einem Korb dem Wasser anvertraut werden, um sich nach höchst unterschiedlichen Schicksalen im Alter von 12 Jahren wiederzubegegnen, ist bis auf kleinere Details gleich. Allerdings ist das sog. Volksbuch erheblich länger, läßt einige für ‘Valentin und Namelos’ wesentliche Handlungsstränge aus, fügt aber seinerseits neue teils phantastische Elemente – etwa ein durch Zauberkunst fliegendes Holzpferd – hinzu, bedient sich zudem häufig anderen Personals und gibt auch Figuren, deren Rollen im Handlungsverlauf analog sind, andere Namen. Ich lasse es, da ‘Valentin und Orson’ hier lediglich am Rande interessieren, dabei bewenden und wende mich ‘Valentin und Namelos’ zu.

Seiten 241 - 257

Zitierfähig mit Smartlink: http://www.Archivdigital.info/ARCHIV.02.2008.241

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