Inhalt » Archiv » Ausgabe 01/2010 » Krieg und Frieden bei Erasmus, Vives und in spanischen Schriften zur Kriegskunst

Krieg und Frieden bei Erasmus, Vives und in spanischen Schriften zur Kriegskunst

Krieg war im 16. Jahrhundert verbreitete Realität, sei es in Frankreich, Italien oder den Niederlanden, sei es im Seekrieg der Spanier gegen die Türken oder Engländer oder bei der Eroberung der Neuen Welt. Frieden erschien demgegenüber als der wünschenswerte Zustand. In der ersten Jahrhunderthälfte waren Erasmus von Rotterdam und der Spanier Juan Luis Vives diejenigen, die besonders eindrucksvoll die Vorzüge des Friedens lobten und den Krieg als unvernünftig, unmoralisch und chaotisch ablehnten. Einen wichtigen Referenzpunkt z.B. in Erasmus’ Institutio principis christiani bildete die Tradition der Fürstenspiegel. Auf der anderen Seite hatten in Anlehnung an die Fürstenspiegel humanistische Autoren zahlreiche Verhaltenstraktate für unterschiedliche Berufsgruppen, wie z.B. den Arzt, den Grammatiker oder den Regidor, verfaßt. Diese Traktate geben praktische Hinweise, vermitteln relevantes Wissen und stellen moralische Handlungsnormen auf. Wenn nun solche Traktate auch für Befehlshaber und die Soldaten im Krieg verfaßt werden, stellt sich die Frage, ob darin Gewalt und Moral als kompatibel dargestellt werden können. Gibt es Strategien der Rechtfertigung der Gewalt gegenüber Feinden und der Gewalt im Interesse der Disziplinierung der Soldaten in den eigenen Reihen oder gilt der Krieg als Ausnahmesituation, bei der sich eine Legitimation erübrigt? Wie unabhängig von Moral und Religion ist die Kriegskunst als Instrument zur Steigerung der Erfolgschancen geworden? Wie zentral ist das Argument der Erlangung oder Aufrechterhaltung des Friedens als Ziel des Krieges? Während noch Erasmus in “Querela pacis” und in der “Institutio principis christiani” ebenso wie Vives in “De Europae dissidiis et bello turcio” und in “Liber de pacificatione” in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Frieden auffordern und dies mit Argumenten aus der christlichen Ethik begründen, kann dann die Moral in den spanischen Schriften zur Kriegskunst der zweiten Jahrhunderthälfte ihre zentrale Stellung verloren haben? Hat sich im Sinne von Machiavelli, der der Politik als System eine Unabhängigkeit vom System der Moral empfohlen hatte, auch die Kriegskunst verselbständigt? Um diese Fragen zu beantworten, sollen im folgenden zunächst Argumente von Erasmus und Vives vorgeführt werden, bevor dann auf einige spanische Schriften zur Kriegskunst eingegangen wird.

Seiten 91 - 107

Zitierfähig mit Smartlink: http://www.Archivdigital.info/ARCHIV.01.2010.091

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