BESPRECHUNGEN / ROMANISCH
Arnold Rothe: Die Erforschung der französischen Literatur im internationalen Vergleich. Eine statistische Fachgeschichte 1956 bis 1988
Georges Güntert
Im vorliegenden Band versucht der Romanist Arnold Rothe, mit Hilfe statistischer Erhebungen die Entwicklung der Französischen Literaturwissenschaft sowohl weltweit als auch im Besonderen in den sechs “produktivsten” Staaten (F, USA, GB, CAN, D und I) aufzuzeigen. Als wichtigste Dokumentation diente ihm die Bibliographie der französischenLiteraturwissenschaft von Otto Klapp, die seit 1960 erscheint und seit 1970 jährlich publiziert wird. Die einzelnen Beiträge dieser Bibliographie wurden nach den Kriterien ihrer Herkunft, der behandelten Epoche und des besprochenen Autors (bzw.der Autoren) registriert. Bei der Unterteilung der ins Auge gefassten Zeitspanne von 1956 bis 1988 in vier Abschnitte zu je acht Jahren zeigt sich für das Fach Französische Literaturwissenschaft ein auffallend ungleicher Entwicklungsverlauf. Nach einer anfänglichen Steigerung flacht sich die Kurve der Anzahl Forschungsbeiträge in den siebziger Jahren bis zur Stagnierung ab, steigt dann aber nach 1980 wieder an, wenn auch die früheren Zuwachsraten nicht mehr erreicht werden. Es fragt sich nun, wie diese quantitativen Befunde zu interpretieren sind und ob die hier angeführten Begründungen für eine positive oder eine rückläufige Entwicklung des Fachs jeweils genügen. Die Expansion der Französischen Literaturwissenschaft zwischen 1964 und 1972 wird mit der Gründung neuer Universitäten und der daraus resultierenden Vermehrung der Studierenden erklärt. Die anschließende Stagnation hingegen wird auf politische, gesellschaftliche undwirtschaftliche Ursachen zurückgeführt: Insbesondere macht Rothe die Folgen des Mai 68 in Europa und jene des Vietnamkrieges in Amerika sowie “die Energiekrise von 1974” dafür verantwortlich. Man fragt sich an dieser Stelle, ob für die gesamte Periode nicht auch der weltweite Prestigeverlust des Französischen, der nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt und sich seither fortgesetzt hat, in Betracht gezogen werden müsste. Eine Schwierigkeit beim Definieren der “produktiven” Staaten ergibt sich zudem aus der Tatsache, dass Romanisten nicht unbedingt in demselben Land, in dem sie wirken, publizieren: Konkret gesprochen verstärken Franco-Kanadier, Westschweizer oder Wallonen, die ihre Arbeiten in Paris veröffentlichen, die Publikationstätigkeit Frankreichs.
(Seite 227 - 229)
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