BESPRECHUNGEN / ALLGEMEINES
Imagination und Deixis. Studien zur Wahrnehmung im Mittelalter. Ed. Kathryn Starkey und Horst Wenzel.
Nicole Meyer
Der vorliegende Band präsentiert die Ergebnisse einer Tagung von Nachwuchswissenschaftlern der germanistischen Mediävistik in Berlin im Jahr 2005. Die Aufsätze beschäftigen sich mit deiktischen Techniken und Imaginationslenkung sowie dem Verhältnis von Text und Bild. Die ersten vier Beiträge behandeln höfische Literatur: Alexander Lasch zeigt an Beispielen aus dem Erec, wie der Erzähler durch Textstrategien das Rezeptionsverhalten beeinflusst. Inversion und Aposiopese stören die Rezeption und führen so zur Öffnung imaginärer Räume, welche der Rezipient durch seine Imagination ausstatten kann – jedoch verwehrt der Erzähler diesen Imaginationen Erzählzeit und -raum. James Brown untersucht in seinem Aufsatz, wie die ekphrastischen Stellen im Wigalois von Wirnt von Gravenberg sich auf die Bildprogramme in den Wigalois-Hss. und einem Druck auswirken. Er stellt drei Visualisierungsstrategien heraus: heraldische, deiktisch-didaktische und ergänzende Strategien. In “Imaginatio und Gewalt in der mittelalterlichen Versnovelle” beschreibt Katja Alpeter-Jones, wie durch Sichtbarmachen von inneren Gefühlen am äußerlich-sichtbaren Körper nicht nur das Verhältnis von Innen und Außen, sondern auch jenes von Text und Rezipient – und die Aufnahme der vom Text geschaffenen “gewaltigen” Bilder in das Innere des Rezipienten – thematisiert werden. Tobias Bulang widmet sich der Gattung des Minnesangs und betont die gattungstypische Schwebe zwischen Perzeption und Imagination. In Ulrich von Liechtensteins Frauendienst zeigt sich Gattungsreflexion anhand der Variationen des Topos vom Wohnen im Herzen.
(Seite 152 - 153)
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