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AUFSÄTZE

Die nicht mehr schönen Körper auf der Bühne des 20. Jahrhunderts: Körper, Tod, Theater bei Pirandello, Beckett und Tabucchi

Kennzahl archiv_20090106
Barbara Kuhn
 
Einer der Ausgangspunkte für die folgenden Überlegungen zur Rolle des Körpers im Theater des 20. Jahrhunderts ist ein doppeltes Phänomen, das sich in vielerlei Variationen beobachten läßt, eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Entkörperung und Körperkult, wie sie beispielsweise in der Alltagskultur evident ist: Auf der einen Seite fällt ein Betonen des Körpers, ein Bewußtmachen seiner Gegenwart nicht nur durch bestimmte Kleidung, durch Schmuck und Schminke, sondern auch durch Tätowierung und Piercing auf, mithin durch einen seinerseits doppelten Gestus der Aufwertung und der Brandmarkung, der sein Pendant im Doppel von Verhüllung und Bloßlegung, aber auch von Schmerz und Schönheit besitzt – die visuellen Sinneseindrücke ließen sich durch akustische, olfaktorische und haptische ergänzen. Dem steht auf der anderen Seite, gleichermaßen insistierend, ein Vergessen oder Verlassen des Körpers mittels Prothesen wie dem Mobiltelefon gegenüber, das die Sprechenden, gleich wo sie sich befinden, schwere- und körperlos in andere Welten versetzt, oder dem vom ‹Walkman› über den ‹Minidisc› bis zum ‹MP3-Player› immer kleiner gewordenen Musiklieferanten, der die Hörenden ebenfalls ihre körperlich präsente Umwelt vergessen und mental verlassen läßt. Überflüssig hinzuzufügen, daß die auf diese Weise schnöde Verlassenen, diejenigen etwa, die mit Körper und Geist im hic et nunc eines Zugabteils bleiben, oft unter dieser Verweigerung des hic et nunc zu leiden haben: ein weiterer Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen zu Anwesenheit und Abwesenheit des Körpers.

Interessanterweise spiegelt sich dieses doppelte Phänomen von sich aufdrängender Körperpräsenz und tendenziell angestrebter Körperlosigkeit, die sich noch steigert in den Möglichkeiten, die Cyber-Reality und Second Life-Phänomene bieten, in den Fragestellungen der kulturwissenschaftlichen Forschung der letzten Jahrzehnte, die nicht allein eine Fülle von Forschungsprojekten, Tagungen und Publikationen zum Thema Körper verzeichnet, sondern ihrerseits die Doppelheit reflektiert, wie paradigmatisch und vielsagend die Titel der beiden Bände Die Wiederkehr des Körpers und Die Ästhetik der Abwesenheit. Die Entfernung der Körper aussprechen. Es handelt sich offenbar, begreift man Alltagskultur und Wissenschaft als zwei Seiten einer Art anthropologisch-epistemologischer Synekdoche, um ein unabschließbares Sich-Abarbeiten nicht nur an ‹Körpern von Gewicht›, sondern am schwergewichtigen Erbe Platons zum einen, Descartes’ zum anderen, um ein Sich-Abarbeiten an der Tradition vom Körper als Kerker, dem die Seele zu entfliehen trachtet, und vom Körper als Maschine, von der der Geist sich unabhängig zu machen hat.
(Seite 98 - 126)
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