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AUFSÄTZE

Imitatio Passionis als Literarisches Motiv im 20. Jahrhundert

Kennzahl archiv_20090102
Stefan Bub
 
In Johan Huizingas panoramatischer Gesamtschau des ausgehenden Mittelalters bildet die Darstellung des religiösen Erlebens einen markanten Teilaspekt. Gesteigerte Frömmigkeit und religiöse Phantasie dieser Zeit finden ihren Ausdruck im »hingebenden Mitempfinden der Passion«. Anknüpfend an das Verständnis klösterlicher Lebensform als Nachfolge Christi und besonders an die Mystik Bernhards von Clairvaux, wird das Leiden Christi persönlich nachvollzogen; das religiöse Subjekt nimmt in unmittelbarer Weise am Passionsgeschehen teil. Gerade weil es sich als individuelle Erfahrung manifestiert, bleibt dieses Nacherleben nicht an die mittelalterliche Vorstellungswelt, der es entspringt, gebunden, sondern reicht als literarisch gestaltete Form spiritueller Frömmigkeit – man denke an das protestantische Kirchenlied des deutschen Barock – weit in die Neuzeit hinein. Mehr noch: als ausdrucksstarkes, der kulturellen Überlieferung eingeschriebenes Motiv zur Darstellung existentieller Not überdauert die Identifikation mit dem leidenden Christus in Kunst und Literatur auch die Säkularisierung sowie die Religionskritik des 19. Jahrhunderts. Dabei kann die Erfahrung einer Welt, die ihres religiösen Sinns verlustig gegangen ist, dazu führen, dass Christus selbst als literarische Identifikationsfigur zum Zeugen der veränderten Weltsicht wird. So verknüpft zum Beispiel Gérard de Nervals Sonettfolge ‘Le Christ aux Oliviers’ (1844) unter dem Einfluss von Jean Pauls (auch in Frankreich weithin bekannten) ‘Rede des toten Christus’ die Todesangst am Ölberg mit der Erkenntnis der leeren Unendlichkeit des Weltalls.
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