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BESPRECHUNGEN / ROMANISCH

Irene Albers/Helmut Pfeiffer (Hrsg.): Michel Leiris. Szenen der Transgression

Kennzahl archiv_20080238
Anne Amend-Söchting
 
Ohne jeden Zweifel ist Michel Leiris eine der schillerndsten, komplexesten und zugleich kompliziertesten Figuren der Kultur der Moderne, eine “Schlüsselfigur seines Jahrhunderts”. Als Grenzgänger zwischen Literatur und Ethnographie, als Verfasser eines umfänglichen intertextuell und intermedial bedeutsamen Werks hat er insbesondere im Bereich der Autographie viele seiner Zeitgenossen beeinflußt und geprägt. Wie vielgestaltig die Texte in ihren einzelnen formalen und thematischen Facetten wirklich sind, zeigen die hochdifferenzierten und spezialisierten Beiträge des vorliegenden Bandes, die 2001 anläßlich eines Kolloquiums zum 100. Geburtstag des 1990 verstorbenen Leiris entstanden sind. Die allesamt originellen und mitunter im besten Sinne theorieschweren Studien sind um die Achsen der “Figuren der Transgression” (I), der “Selbstdarstellung und Selbstinszenierung” (II), des “Schreibens an den Grenzen der Ethnographie” (III) und der “Grenzen der Kunst: Rituale der eigenen Kultur” (IV) organisiert.

In ihrer gelungenen Einleitung unterstreichen Irene Albers und Helmut Pfeiffer die Vielschichtigkeit und Ambivalenz des Leirisschen Werks. Der Autor habe sich “nie mit einer der ihm von Diskursen und Institutionen zugewiesenen Rollen identifizieren können”, sondern diese habe er vielmehr bewußt überschritten. So ist Transgression seit L’Age d’homme ein rekurrentes Thema, damit die “Theatralität und Inszeniertheit seiner Existenz”, die kulturelle Ordnungen nur anerkennt, um sie in der Folge zu sprengen. Leiris’ Transgressionskonzept, so Albers und Pfeiffer, gehe von der “Position des beobachtenden und agierenden Subjektes” aus und sei grundsätzlich insofern ambivalent, als es sich einerseits über die Kunst hinaus in eine Domäne des Wahrhaftigen, der “Präsenz” hineinbewege, andererseits jedoch die Figuren der Transgression Simulakra blieben, weil sie auf ästhetische Inszenierungen zurückgingen. Bei Leiris konkretisiere sich diese Ambivalenz im “Wechselspiel von expérience intérieure und ethnographischer Beobachtung”. Dass sich “ethnographische Beobachtung” und – in diesem Fall – der individuell gesteuerte Anblick von unangenehmen Dingen gegenseitig bedingen, zeigt auch Nathalie Barberger, die mit “Der enthäutete Mensch” den Reigen der Beiträge zu den Figuren der Transgression anführt. Im Gegensatz zu anderen, so führt Barberger aus und analysiert dabei unter anderem Betrachtungen von Leiris zu anatomischen Tafeln oder kriegerischen Szenarien, gehe es Leiris in seinen Überlegungen nicht um den Sieg der Repräsentation über das “unreine” Reale, sondern um “die magisch ansteckende Wirkung, die das Bild aufgrund seiner das ästhetische Empfinden affektierenden Unreinheit auf den Betrachter ausübt”. Leiris schließe “niemals mit der Idee des Simulakrums, mit dem bösen Zauber der Repräsentation ab”.
(Seite 464 - 468)
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