BESPRECHUNGEN / ALLGEMEINES
Thomas Lischeid: Symbolische Politik. Das Ereignis der NS-Bücherverbrennung 1933 im Kontext seiner Diskursgeschichte.
Theodor Verweyen
Als Eberhard Lämmert und Günter Grass in einem Geleitwort für das “Berliner Colloquium zur Literaturpolitik im ‘Dritten Reich’” davor warnten, die Gedenkveranstaltung über die Bücherverbrennung im Mai 1933 als einen Akt moralischer Selbstüberhebung über Geschichte zu verstehen, lag es beiden selbstverständlich ganz fern, mit ihrem Vorbehalt die moralische Betrachtung von Geschichte grundsätzlich in Frage zu stellen oder gar aufzukündigen: “unser Colloquium wäre kein wissenschaftliches in vollem Sinne, wenn es diese Mitverantwortung der Literatur und der Wissenschaft in unserer Gegenwart nicht auch deutlich machte” – das war 1983, zum 50. Jahrestag der reichsdeutschen Bücherverbrennung, derer seinerzeit in jeder publizistischen Hinsicht gedacht worden ist. Grass wie Lämmert, Leitfiguren der bundesrepublikanischen Auseinandersetzung mit der desaströsen Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert, hätten sich wohl kaum vorstellen wollen, daß gerade einmal zehn Jahre später in Rezensionen Titel und Formulierungen wie “Verrutschte Maßstäbe” oder “Abdankung des Moralischen in der Geschichtsschreibung” einen Trend würden sichtbar machen können, der untergründig und latent, aber explorierbar fachwissenschaftliche Publikationen über das “Dritte Reich” bestimmte und weiterhin prägt, so daß heute nicht einmal mehr die Beobachtung Heribert Prantls von 1995 zuzutreffen scheint, es gäbe “immer mehr”, die neben die NS-Verbrechen “das Wort ‘einerseits’ schreiben, und dann ein ‘andererseits’ hinzufügen”.
(Seite 150 - 156)
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