AUFSÄTZE
“Now, sir, what is your text?”: Alte und neue Shakespeare-Ausgaben
Christa Jansohn
“Die neue englische Text-Kritik des Shakespeare”, so betitelte bereits 1865 F. W. Leo im ersten Shakespeare-Jahrbuch seinen ausführlichen Überblicksartikel über kritische Werkausgaben. Er entsprach damit ganz den Vorstellungen der gerade gegründeten deutschen Shakespeare-Gesellschaft, die “in der Sicherstellung und nöthige[n] Interpretation des Urtextes die Grundlage aller ernstgemeinten Shakespeare-Studien” sah. Schon damals – vor 137 Jahren – schien es dem Verfasser schier unmöglich, einen abgerundeten Überblick über die Textkritik zu geben. Er könne, so schreibt Leo, nur Weniges und Skizzenhaftes liefern, und schließlich wird der Leser sogar aufgefordert, “durch eigene Denk- und Wissenszuthat Dasjenige abzurunden, was hier so unfertig, so embryonenhaft hingeworfen” werden mußte (S. 189). Heute wäre eine solche Aufforderung zumindest an ein deutsches Publikum – sei es Dozent(in), Studierende(r) oder Shakespeare-Enthusiast(in) – eher keck und vermutlich auch unzumutbar, da es an notwendigem Hintergrundwissen, aber auch Interesse, mangelt. Verglichen mit dem 19. Jahrhundert scheint man in Deutschland schon seit langem das editionswissenschaftliche Feld nahezu gänzlich den englischsprachigen Kollegen und Kolleginnen überlassen zu haben, auch findet die Textkritik nur noch sehr selten Einzug in den universitären Unterricht, und es bedarf augenscheinlich fast schon missionarischen Eifers, um selbst Leser/innen einer so renommierten anglistischen Fachzeitschrift wie der Anglia die Wichtigkeit der Textkritik und ihrer literaturwissenschaftlichen Relevanz vor Augen zu führen.
(Seite 20 - 41)
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